Facettenreiche Führung an der Stadtmauer am Hansaring

„Entlang der Mauer – Die heutige Nutzung der Mauer am Beispiel Hansaring“

Im Rahmen des „Mauerprogramms“ des Historischen Archivs und seiner Freundinnen und Freunde gab es heute einen Ausflug an den Gereonswall zwischen Hansaplatz und Klingelpützpark, wo das längste Stück Stadtmauer mit der Gereonsmühle von allen Seiten zu besichtigen war (und wenn wir „alle Seiten“ sagen, dann meinen wir auch alle Seiten!).

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Gereonsmühlenturm

Monika Frank und der Mercator-Plan

Monika Frank und der Mercator-Plan

Monika Frank und Simin Rahmanzadeh vom Historischen Archiv führten zunächst kurz in die Geschichte des Mühlenturms ein, aber eigentlich ging es um die heutigen Bewohner und Nutzer. Wer Frank Schätzings Tod und Teufel gelesen hat weiß, dass die mittelalterliche Mauer nicht nur Festungs- und Repräsentationsfunktionen hatte, sondern auch, angefangen von Jacub, dem fussijen Bettler bis hin zu den ach so vornehmen Overstolzens Menschen aller Schichten ihre Behausung auf und an der Stadtmauer haben konnten. Das ist bis heute nicht anders (inklusive der Obdachlosen) – und einige der Anwohner erlaubten uns zum Teil sehr private Einblicke in ihre „Behausungen“.

Einer der Kinderbetreuungsräume im „KSJ-Tower“

Rundgang durch den „KSJ-Tower“

Der Mühlenturm selbst etwa wurde etwa nach Erfindung der Dampfmaschine von seinem ursprünglichen Verwendungszweck zu städtischen Dienstwohnungen umgenutzt und ist heute als KSJ-Tower der Katholischen Studierendenjugend Teil der Bildungslandschaft Altstadt-Nord, in der die KSJ Nachmittagsbetreuung für Schulkinder anbietet. Mit dem diensthabenden FSJler kletterten wir vom Partyraum, bei dessen meterdicken Außenwänden Liebhaber starker Bässe feuchte Augen bekommen, bis hoch ins oberste Stockwerk und nach draußen auf Galeriesockel, von dem aus sich ganz neue Blicke auf die Stadt ergaben. Ob zu St. Ursula oder zum Dom hin, der von Baukränen der Bildungslandschaft umrankt war, zu Sankt Gereon und dem neuen Penthouse des Gerlinghochhauses, zum KölnTurm und Colonius oder nach hinten (zur „Feldseite“) heraus auf den Hansaplatz.

Klingelpütz-Blick. Im Hintergrund St. Gereon, auf dem Foto ebenfalls hinten rechts.

Klingelpütz-Blick. Im Hintergrund St. Gereon, auf dem Foto ebenfalls hinten rechts.

Weiter ging es in den Schulgarten direkt auf dem Wall und an der Mauer, der nicht nur an die langjährige Nutzung des Areals für gartenbauliche Zwecke erinnert, sondern ebenfalls Teil der neuen Bildungslandschaft ist. Carolin Pless, Netzwerkkoordinatorin der BAN e.V., stellte Konzept und Herausforderungen vor, die sich ergeben, wenn man versucht, mit sieben Bildungseinrichtungen und Verwaltung zu einem echten vernetzten Handeln in Sachen Bildung zu gelangen.

Carolin Pless von der BAN i Schulgarten

Carolin Pless von der BAN imSchulgarten

Entlang der Mauer ging’s zur Hausnummer 108/110, wo uns Architekt Johannes Schilling erwartete, der uns durch sein Haus, das buchstäblich an und in die Mauer gebaut ist, führte. Nicht nur gestatteten die freundlichen Bewohner des denkmalgeschützten, vermieteten Teils aus den fünfziger Jahren, daß knapp 20 Personen mit leuchtenden Augen durch Treppenhaus, Küche und Bad stiefelten,  der Hausherr führte dann auch noch durch den selbstbewohnten Teil, den sein Vater, der Architekt Hans Schilling, in den 70er Jahren „in den Wall gegraben“ hatte (womit wir dann praktisch unten, stadtseitig auf Straßenhöhe, an der Mauer gewesen sind). Schilling erläuterte die materiellen Bedingungen der 50er Jahre und die Herkunft des einen oder anderen Bauteils, dass die Bescheidenheit und „menschlichen“ Proportionen (manche Räume sind nicht höher als 1,80m) aber auch ganz bewusst zum Konzept der Nachkriegszeit gehörten.

Johannes Schiller führt durch sein Vaterhaus

Johannes Schiller führt durch sein Vaterhaus

Zum Abschluss – die Gruppe war nach über zwei Stunden schon etwas ausgedünnt –  konnten wir noch auf der „Feldseite“ der Mauer einen Blick auf die andere Seite des Turmsockels werfen, an den sich der Gebetsraum einer Moscheegemeinde anschmiegt. Einer der Gemeindemitglieder begleitete uns  – ohne Schuhe natürlich – in die kleine Moschee, wo wir nicht nur Gebetsnische und Teppiche zu sehen bekamen, sondern der Sockel des Gereonsmühlenturms direkt und unverkleidet einen Teil der Wand bildet. Der ältere Herr erläuterte einige Details des Gebetsraums und betonte die theologischen Gemeinsamkeiten der drei Buchreligionen –  dass ein weiteres Mauerteil der Moschee praktisch noch ein Rest des ehemals dort befindlichen Schnütgen-Museums für christliche Kunst sein muss, war für mich persönlich dann noch das Sahnehäubchen des Abends.

Moscheemauer – Mauermoschee

Moscheemauer – Mauermoschee

Und, haben wir alle Seiten gesehen? Oben auf dem Turm geklettert, unten im „eingegrabenen Haus“ der Schillings im Wall (und nochmal hoch auf die Mauer), stadtseitig sowieso am und auf dem Gereonswall, feldseitig auf dem Hansaplatz mit der Moscheegemeinde. Dazu immer die Dokumente und Fotografien aus dem Historischen Archiv, die insbesondere auch bei den Bewohnern auf Interesse stießen und bei denen gegenseitiger Austausch vereinbart wurde. Ein insgesamt dreistündiges, mit dem Wort „abwechlsungsreich“ nur sehr unzureichend beschriebenes Programm … ein großer Dank geht an Monika Frank und Simin Rahmanzadeh, Carolin Pless, Johannes Schilling mit Familie und Mietern, den freundlichen FSJler von der KSJ sowie den netten Herrn, der immer die Fototafeln hochgehalten hat: eine rundum gelungene Veranstaltung und ein Highlight im Jahresprogramm!

Fotos: Elke Wetzig, Raimond Spekking (CC-BY-SA 4.0)

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