Kölner Spurensuche – Wie unsere Kulturinstitutionen Geschichte machen

Rolf Escher führte vorab durch die Ausstellung

Rolf Escher führte vorab durch die Ausstellung. Foto: Elke Wetzig (CC-BY-SA 3.0)

Die aktuelle Ausstellung von Prof. Rolf Escher am Heumarkt macht auf faszinierende Weise die Zusammenhänge zwischen den Kölner Kultur- und Gedächtnisinstitutionen deutlich. Schwerpunktmäßig zeigen  die Arbeiten die geschundenen Archivalien und ihre Wiederherstellung im Restaurierungs- und Digitalisierungszentrum, aber das ist nicht alles: Der Künstler verbindet zeichnerisch schriftliche und dingliche Überlieferung, indem er Objekte des kulturellen Erbes aus den Kölner Museen und Kirchen als Motive wählt und gemeinsam mit seinen Arbeiten aus dem Archiv präsentiert. In der Gegenüberstellung verknüpfen sich die Geschichte und Geschichten wieder. Wer weiß noch, was etwa das Reiterdenkmal auf dem Heumarkt mit Heinrich Böll zu tun hat?

Anlässlich seiner Ausstellung versammelte Escher am Dienstagabend eine Gesprächsrunde um sich, die man selten in dieser Konstellation erleben darf: Gastgeberin Bettina Schmidt-Czaia als Bewahrerin des schriftlichen Stadtgedächtnisses neben Stadtkonservator Thomas Werner und Marcus Trier, Chef des Römisch Germanischen Museums, die sich um die dreidimensionalen Bau- und Bodendenkmäler der Stadt kümmern. Die „Kunstfraktion“ war durch Moritz Woelk, Direktor des Museums Schnütgen und Marcus Dekiert vom Wallraf vertreten, und mitten drin (wenn auch auf dem Podium am Rand) saß der Herr des Kölnischen Stadtmuseums, Mario Kramp.

Illustres Podium

v.l.n.r.: Moritz Woelk, Marcus Trier, Thomas Werner, Bettina Schmidt-Czaia, Rolf Escher, Marcus Dekiert, Mario Kramp, Burkhard von der Mühlen. Foto: Raimond Spekking (CC-BY-SA 4.0)

„Nun sag, wie hast du’s mit der  Kooperation?“

Moderator Burkhard von der Mühlen musste erst eine Runde Harmonie ertragen, als er nach Kooperation und dem „großen Ganzen“ fragte – denn die Gäste konnten ohne Mühe zahlreiche Beispiele für die gelungene Kooperationen untereinander nennen. Ob die Ausstellung 13:58 Uhr (Archiv ↔ Stadtmuseum), die Ralf König-/Ursula-Ausstellung (Stadtmuseum ↔ Wallraf), der Archivneubau (Bodendenkmalpflege ↔ Archiv), die Kathedralen-Ausstellung (Wallraf ↔ Stadtmuseum), Dreikönigsausstellung (Schnütgen↔ Wallraf), Forschungen zur eigenen Sammlungsgeschichte (Schnütgen ↔ Archiv), gemeinsame Vorstandsarbeit (Archiv ↔ Denkmalpflege) oder die 2015 geplante Preußen-Ausstellung (Stadtmuseum ↔ Denkmalpflege), man hatte den Eindruck, dass die Drähte zwischen Personen und Insitutionen ständig glühen. Bettina Schmidt-Czaia ergänzte die „Janus“-Rolle des Historischen Archivs, das nicht „nur“ zurückschaut, sondern auch ein Auge auf die Übernahme des aktuellen Schriftguts und die Einführung elektronischer Akten der Kollegen hat.

Podiumsdiskussion_„Kölner_Spurensuche_–_Wie_unsere_Kulturinstitutionen_Geschichte_machen“-1439

Thomas Werner, Bettina Schmidt-Czaia, Rolf Escher, Marcus Dekiert Foto: Raimond Spekking (CC-BY-SA 4.0)

Aber das Geld! Gibt es denn keinen Wettbewerb untereinander? Jeder städtische Euro wird doch nur einmal verteilt! Moritz Woelk machte auf die Nachfrage des Moderators klar, dass der Drittmittelanteil bei der Finanzierung der großen Ausstellungen schon „ein Vielfaches“ des Eigenanteils beträgt.

Einig war man sich, dass Köln „die Taschen voll“ mit Kulturangeboten hat, und viel zu wenig mit diesem Pfund wuchert. Was dann doch etwas mit dem Geld – das sich in begrenztem Personal niederschlägt – zu tun hat. Und da kamen dann doch die unschönen Beispiele auf den Tisch:

„Wir haben kein Software- sondern ein Hardware-Problem“ Mario Kramp

Es gibt tatsächlich massive Probleme, wenn das Stadtmuseum wertvolle Objekte aus dem Stadtarchiv ausstellen will, und das liegt nicht etwa am eingestürzten Archiv oder einer pingeligen Direktorin, nein: Die Klimaanlage im Museum tropft, und man kann Archivalien nicht zeigen, weil die klimatischen Bedingungen schlicht nicht stimmen (dies dürfte nicht nur für Archivalien gelten …) Die Verzweiflung und der Ärger über diese Situation war Kramp deutlich anzuhören. Die kurz angesprochene Idee der neuen kulturellen Mitte am Roncalliplatz mit Römisch-Germanischem und Stadtmuseum sei jedoch „stadtplanerisch einfach genial“ (Kramp) und eine riesige Chance (Trier), die jetzt weiterentwickelt werden müsse, bevor das Zeitfenster wieder zugehe. Einig war man sich in der Einschätzung, dass wir es hier mit einer fast atypisch engagierten Diskussion zu tun haben.

„Das Stadtmuseum steht an dem Punkt, wo das Archiv vor dem Einsturz stand“. Mario Kramp

Wie können junge Menschen an ihre Stadtgeschichte herangeführt werden?

Wie bringt man an den jungen Menschen, dass er in Köln und in keiner anderen Stadt lebt? Und warum ist das wichtig? Bettina Schmidt-Czaia brachte es am Einprägsamsten auf den Punkt: Die Schriftkultur ist ein zutiefst friedensstiftendes Instrument in der Stadt, historische Dokumente zeigen transparent, wie Entscheidungen getroffen werden und Konflikte zivilisiert beigelegt werden. Eine Kultur, die an die nächste Generation weitergegeben werden muss, denn diese ist es, die in Zukunft die Entscheidungen über Erhalt, Verramschen oder Zerstörung trifft. Was wir als Kind nicht kennengelernt haben, können wir als Erwachsene nicht verantworten und schützen. Wenn die Idee eines spezifischen Bewusstseins „Ich lebe in Köln und in keiner anderen Stadt“ immer weniger von Eltern an Kinder weitergegeben wird, sind die Pädagoginnen in den Gedächtnisinstitutionen umso mehr gefragt. Und es gelingt zuweilen auf zauberhafte Weise, wenn etwa achtjährige Grundschulkinder mit Migrationshintergrund in ihrem Veedel Forschung treiben und Minireferate zu einzelnen Aspekten halten – und damit wieder zu ihren Eltern gehen und diesen neues Wissen vermitteln.

„Wenn wir sie nicht da kriegen, kriegen wir sie nicht“ Bettina Schmidt-Czaia

Thomas Werner nahm die etwas älteren „Jungen“ ins Visier: er erlebt hier den frischen Blick und das Interesse an der Nachkriegsarchitektur, über die die ältere Generation gerne noch „die Nase rümpft“. Auch wies er auf die wichtige Rolle der aktiven Vereine hin, die das Stadtgedächtnis in die Gesellschaft tragen.

„Die junge Generation fragt nach jungen Denkmälern“ Thomas Werner

Fühlen Sie sich wertgeschätzt – von innen und von außen?

Markus Dekiert und Mario Kramp

Marcus Dekiert und Mario Kramp. Foto: Raimond Spekking (CC-BY-SA 4.0)

Wenn es um Außenwahrnehmung und Wertschätzung von innen geht, gibt es Selbstkritik: die rührenden Geschichten hören wir ja alle gerne, Kölsch Hätz und „et bliev alles, wie et wor“, und passieren tut nichts. Wieso denn auch – ist Kultur etwas, das man retten kann? Warum begreifen wir den großen Schatz unserer Kultur nicht als etwas, das die Stadt ausmacht? Warum zeigen wir das nicht besser nach außen? Verlieren wir uns in unserer Selbstbezogenheit? Warum fließt nicht mehr von diesem großen Kulturschatz etwa in die Touristikwerbung ein?

„Das lokale Publikum ist toll“ Markus Dekiert

Köln ist die einzige Millionenstadt mit 2000 Jahren Stadtgeschichte, die nicht Landeshauptstadt oder Residenzstadt ist, also insgesamt mit deutlich weniger Mitteln ausgestattet ist als etwa Berlin oder München. Als traditionelle Bürgerstadt sähen wir zwar ein großes Engagement der Bürgerinnen und Bürger, aber „der Rest ist Schweigen“. Frustrierend der Vergleich mit dem jüngeren Frankfurt, wo das neue Historische Museum die dreifache Fläche von Köln zur Verfügung hat, und das Staedel soviele Mitarbeiter in seiner Telefonzentrale wie das Wallraf im ganzen Haus.

„Köln leuchtet nicht nach außen“ Moritz Woelk

Ein Beispiel für ein fast heimliches „Leuchten“ nach außen zeigte Bettina Schmidt-Czaia auf: die chinesische Archivdelegation, die durch Europa tourte, das RDZ besichtigte und den Kölnern „das bedeutendste Archivwesen auf dem ganzen Kontinent“ bescheinigte. Auch als Förderverein sehen wir, wie von so vielen Seiten das Engagement und die Arbeit des Archivs geschätzt wird – jetzt brauchen wir „nur noch“ endlich den Baubeschluss für den Neubau, der noch beim Rat ansteht.

„Wir haben die Taschen voll mit Kultur“ Marcus Trier

Die Zeit verging wie im Flug, und das Publikum hätte – abseits von häufig zu hörenden Seufzern der Zustimmung – Stunden weiterdiskutieren und Klartext reden können.  Danke an Rolf Escher, der den Anstoß für diese einzigartige Veranstaltung gab! Der Lesesaal am Heumarkt 14 entwickelt sich langsam, aber sicher zu einem Hort spannender Gespräche zu Kölner Kultur und Gedächtnisinstutionen. Möge sich das herumsprechen!