Kölsche Polemik in unruhigen Zeiten

Religiöse und politische Auseinandersetzungen wurden zu fast allen Zeiten von öffentlich verbreiteten Schriften und Reden begleitet. In der Regel wurde das Geschehen darin parteilich kommentiert, das Handeln der eigenen Partei gerechtfertigt und vielfach natürlich der Gegner verurteilt und vorgeführt. In einem Vortrag am vergangenen Dienstag, 25.07. erörterte Christine Feld, Historikerin und Archivarin des Historischen Archivs der Stadt Köln, diese Form der Auseinandersetzung.

Dabei stellte sie fest: Die äußere Form ebenso wie der Ton konnten stark variieren. In der Folge sind viele der Texte durchaus emotional. Sprachlich und stilistisch scheint nahezu alles erlaubt und so ist der Ton mal spöttisch, mal sarkastisch, zynisch, wütend, komisch oder auch ironisch.
Vor allem aber ist Polemik zeitlos und so finden sich in den Beständen des Historischen Archivs zahlreiche Quellen, die vor dem Hintergrund städtischer aber auch privater Streitigkeiten verfasst wurden.

Ein Beispiel findet sich in dem privaten Nachlass von Ferdinand Franz Wallraf, dem berühmten Kölner Gelehrten und Kunstsammler. Dort überliefert ist folgender Schmähbrief unbekannter Herkunft:

Best. 1105, A 25

„An Herrn Professor Wallraff.
Wohlgebohrn Dahier. Mit Vergnügen habe ich vernommen, daß unser allergnädigster König Ihnen den rothen Adler zweyter Klasse verehret hat; Mit Bedauern muß ich Ihnen aber melden, daß das Ehrenzeichen, welches Sie tragen, nicht vollständig ist, denn der Orden des goldnen Vließ hat unten einen Widder hencken um den Ihren nun vollständig zu machen, so müssen Sie einen Bock drunter hencken.
Hochachtend bin ich ihr ergebenster Diener
Theodoricus Knetelvers“

 

 

 

Der Verfasser hat sich wohlweislich ein Pseudonym zugelegt und nennt sich hier Theodoricus Knettelvers.

Wallraf erhält diesen Brief im Anschluss an eine Ordensverleihung. Der König von Preußen, Friedrich Wilhelm III, hatte Wallraf nämlich höchstpersönlich am 19. November 1818 den Roten-Adler-Orden 3. Klasse verliehen. Man darf annehmen, das Wallraf durchaus stolz auf diese Auszeichnung war. Der Verfasser dieses Schmähbriefs scheint weniger begeistert davon gewesen zu sein und bringt seinen Unmut unmissverständlich zum Ausdruck. So weist er Wallraf darauf hin, dass sein Orden unvollständig sei, und dass dieser, mit Blick auf den Widder am Orden des goldenen Vlies, einen Bock darunter hängen müsse, um ihn zu vervollständigen.

Ohne Zweifel ist der Bock hier despektierlich gemeint. So wäre es durchaus denkbar, dass der Verfasser hier auf das Sprichwort den „Bock zum Gärtner machen“ rekurriert. Sinngemäß hieße das dann: Wallraf erhält eine Auszeichnung, derer er gar nicht gewachsen ist oder der er nicht gerecht wird. Das Sprichwort geht zurück auf den Nürnberger Meistersänger Hans Sachs und war im deutschen Sprachraum bereits seit dem 17. Jh. geläufig.

In Anbetracht des Vergleichs mit dem Orden vom Golden Vlies ist ebenso denkbar, dass der Verfasser auf Wallrafs durchaus reaktionäres Weltbild anspielt. Diese besondere Auszeichnung geht nämlich zurück auf den erlauchten Kreis des Ritterordens vom Goldenen Vlies. Die Ordenszugehörigkeit war durchaus exklusiv und wurde nach und nach zu einem vom Kaiser verliehenen Privileg. Als Anhänger und glühender Befürworter der alten Reichsstadt Köln, kann man Wallraf durchaus als kaisertreu bezeichnen. Die Veränderung des ausgehenden 18. und beginnenden 19. Jahrhunderts – die Zeit der französischen Besatzung und der preußischen Rheinprovinz – hatten die Lebenswelt Wallrafs mächtig auf den Kopf gestellt. In dem Fall wäre es denkbar, dass Wallrafs Wunsch nach einer Rückkehr zum reichsstädtischen System verlacht wird.

Vielleicht aber ist es ja doch ganz anders und der Bock hat in diesem Beispiel gar keine tiefere Bewandtnis – außer die der Beleidigung.

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