Ein historischer Spaziergang auf protestantischem Territorium

Spaziergang über den Geusenfriedhof

Spaziergang über den Geusenfriedhof

Schlag auf Schlag, fast im Wochentakt, laufen dieses Jahr die Veranstaltungen rund um die Ausstellung „Hilliges Köln 2.0 – Toleranz im Update“ ab. Ein Outdoor-Highlight durften heute rund 25 Teilnehmerinnen und Teilnehmer mit der HAStK-Archivpädagogin Monika Frank erleben: Auf dem Geusenfriedhof, dem ältesten evangelischen Friedhof im Rheinland, brachte sie „Leben in die Steine“, wie eine Teilnehmerin sagte.

Den Auftakt bildete – fast schon traditionell, wenn es in Köln um die frühe Neuzeit geht – ein im altkölnischen Original vorgetragenes Zitat des Ratsherrn und Tagebuchschreibers Hermann von Weinsberg, der im Januar 1578 vom Begräbnis des Ratsherrn Gerhart von Hontum berichtete, welcher im Gegensatz zu seinem „gut katholischen“ Ratskollegen trotz seines gehobenen Amtes als Gewaltrichter „nur“ auf dem Elendsfriedhof beigesetzt werden durfte, denn …

Umb disse zit wart nemans anders, dan catholischn gestattet, in die stat in kirchen oder kirchoiffen zu begraben, dan der nit under einer gestalt communicern wolt, oder sin kinder in kirspeln laissen deufen oder calvinisch, geussich, martinisch, widderdeufischs und anders ware, wart zur Weierporzen uisgefoirt und da uff einen acker begraben, oder wohin sie in dan forten, wilch acker der Geusen kirchoff gnant wart [Liber Senectutis 059]

Auf diesem acker verbrachten wir nun beinahe zwei Stunden, zwischen zugemoosten Grabplatten, wilden Erdbeeren und den Geschichten, die Monika Frank aus Archivquellen zu ausgewählten Familien mitgebracht hatte. Inschriften wurden mühsam entziffert, Wappenmotive mit dem Finger nachgefahren und Ahnenreihen nachvollzogen. Niederländische Schiffer, protestantische Bänker, Kaufleute und Künstler, die großbürgerlich in Köln lebten oder eher zufällig gestrandet waren und deren Nachfahren in Köln sesshaft wurden.

Wappenkunde

Wappenkunde

Großbürgerlich hin, Bankgeschäfte her, und obwohl die Religion „sowas von egal war“, wenn es ums Geld ging, gab es lange Jahre keine  evangelischen Gottesdiensträume im katholischen Köln. In Sachen religiöser Toleranz mussten die „Geusen“ ins jülichsche Frechen oder auf die Schäl Sick ins bergische Mülheim ausweichen. Erst die Franzosenzeit brachte Gleichberechtigung und mit der säkularisierten Antoniterkirche auch einen eigenen Gottesdienstraum.

Monika Frank füllte zwei Stunden lebendig und detailreich aus; zum Abschluss gab es noch einen Einblick in das Sozialwesen des 19. Jahrhunderts, als nach der Säkularisierung die Waisen- und Krankenversorgung aus klösterlicher in städtische Hände fiel. Damals begann die große Zeit der konfessionellen Krankenhäuser. Und so endete unser Abend vor dem Haupteingang des Evangelischen Krankenhauses Weyertal, wo sich noch die großen Inschriften der Stifter aller Konfessionen finden, die zum Entstehen dieser Institution beigetragen haben.

Obwohl der Geusenfriedhof den meisten von uns ein Begriff gewesen sein dürfte, stellte Monika Frank neue Zusammenhänge her, brachte bekannte Namen in neue Kontexte (Herstatt) und zeigte auf, wie protestantische Kölner Bürger um ihre Gleichberechtigung stritten – aber erst die Franzosen kommen mussten, damit sie sie schließlich erhielten. Danke für diesen lehrreichen und intensiven Sommerabend im Grünen! 

Info: Aufgrund des großen Interesses bietet das Historische Archiv eine zweite Führung über den Geusenfriedhof an und zwar am Samstag, 14. Oktober um 14 Uhr. Bei Interesse schicken Sie einfach eine E-Mail an AnmeldungArchiv@stadt-koeln.de .

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